Tagesblick                        
Abgerechnet wird zum Schluss
00078071

Dies sind meine Blognews

2019-06-12

Ein Leben danach

Madame.jpg

Das Gute ist wie bei allem im Leben, wenn man erst einmal so richtig am Boden liegt, hat man Zeit alles wieder neu zu sortieren. Nachdem ich nun so Fertig in meiner 48 Quadratmeter großen Wohnung saß und zu allem Überfluss auch noch meinen Job verloren habe, konnte es erst einmal so nicht weitergehen. Ich war so fertig dass ich erstmal eine Reha beantragt habe. Zudem hatte mich mein Arzt krankgeschrieben, da mich die Depression voll im Griff hatte. Man braucht kein Hellseher zu sein um sich vorstellen zu können was ich alles ertragen musste nach meinem Outing. Viele zerbrechen schon daran wenn Sie Ihren Partner verlieren oder ihre Arbeit. Ich habe direkt alles verloren, den Partner, die Arbeit, den Freundeskreis und bin anschließend noch in die Insolvenz gegangen. Man muss sich vorstellen, ich bin ja damals zum Arzt gegangen weil ich einfach nicht mehr konnte und ich mich geoutet habe und Hilfe brauchte. Zu diesem Zeitpunkt steckte ich bereits in dieser chronischen Depressionen durch die jahrzehntelange Zerrissenheit. Und dann kamen auch noch diese ganzen anderen Begleiterscheinungen und top obendrauf. Das muss erstmal ein Mensch aushalten und wegstecken. Und dann auch noch die alle klugen Besserwisser die man dann um sich rum hat. Es wundert mich nicht dass die Selbstmordrate bei Transsexuellen Menschen extrem hoch ist.

Die Depression hat mich so im Griff, dass ich heute mit Stress nur ganz schwer umgehen kann. Und in der heutigen Zeit weiß jeder wie schnell man im Stress ist. Sobald ich im Stress bin komme ich in einen Modus wo ich nicht mehr richtig lesen und schreiben kann. Jetzt fragen Sie sich bestimmt warum ich gerade dann mit dem bloggen angefangen habe. Das Bloggen hilft mir zum einen alles aufzuarbeiten. Es gibt ja Gott sei Dank die Google Spracheingabe, so dass ich die Texte nicht selber tippen muss. Denn das wäre extrem schwierig für mich, gar unmöglich. Zudem ist es ein gutes kopftraining für mich, da ich durch diese Depression an gewissen Gedächtnisverlust habe. Ich bin seit einigen Jahren in Behandlung und habe gelernt mit der Depression umzugehen. Mittlerweile erkenne ich die vor Symptome und kann in der Regel die Depression mit bestimmten Verhaltensmaßnahmen abwenden. Dazu brauche ich dann um Ruhe und muss mich aus dem Stresspunkt komplett rausnehmen. Das würde natürlich auf der Arbeit nicht funktionieren können. Zum einen ist man in der heutigen Arbeitswelt permanent im Stress und zum anderen wäre es so, welcher Chef würde es mitmachen wenn ich sagen würde, ich kann im Moment nichts machen ich brauche gerade mal meine Ruhe. Zudem ist es so dass ich mich nicht lange auf bestimmte Sachen konzentrieren kann und immer wieder meine Pausen brauche. Da ich heute in Rente bin kann ich mir natürlich meinen Tag so einteilen dass ich meinen Tagesablauf hinbekomme. Die Depression ist für mich mein ständiger Begleiter geworden. Bei mir war die Depression so ein schleichender Prozess bis ich diese selbst wahrgenommen habe. Die letzten 15 Jahre in meinem Berufsleben waren extrem schwierig gewesen für mich, wenn ich daran zurückdenke. Meine Identitätsstörung und deren Begleiterscheinung führten zwangsläufig zu meiner chronischen Depressionen. Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern als ich mal einen Geschäftspartner eine E-Mail geschrieben hatte. Auch in diesem Moment war ich gestresst und hatte natürlich auch die E-Mail vorher noch einmal durchgelesen bevor ich diese abgeschickt hatte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich ja noch nicht selbst dass ich eine Depression habe die gewisse Handicaps mit sich zieht. Als ich dann wieder zur Ruhe kam und diese E-Mail aus irgendeinem Grund noch einmal gelesen hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich wäre am liebsten in ein Erdloch gesprungen, da es mir so peinlich war was ich geschrieben hatte. Es waren so viele Rechtschreibfehler und die Satzbildung stimmten überhaupt nicht. Ein paar Jahre später kam zu diesen Defiziten noch eine gewisse Vergesslichkeit hinzu, die ich aber auch wiederum Jahre später erst wirklich bemerkt hatte. Es fällt mir heute schwer mir gewisse Sachen zu merken. Ich schreibe mir daher die wichtigen Sachen alle auf. Mit Alkohol sollte man prinzipiell vorsichtig sein. Bei mir kommt es schon bei geringem Alkoholgenuss vor, dass ich einen gewissen Filmriss habe und nicht mehr genau weiß was abends passiert ist. Das ist extrem unangenehm und die meisten anderen erleben das bei einem Vollrausch. Bei mir reichen dazu schon kleine Mengen an Alkohol. Natürlich gehe ich auch nicht jeder Feier aus dem Weg und manchmal muss ich halt damit leben dass ich nicht mehr genau weiß was abends war. Es ist ja nicht so dass ich so betrunken bin, sondern die Depression in Verbindung mit dem Alkohol führt zum sogenannten Filmriss. Außenstehende merken gar nichts davon. Die Depression führt auch zu körperlichen Problemen. Dazu kommen Verspannungen die zu extremen Schmerzen führen. Seit einigen Jahren leide ich immer wieder unter einem Gehörsturz. Symptome dabei sind schlechtes hören einseitig, mit einem gewissen Ohrendruck im Innenohr als würde man gerade aus einem Flugzeug steigen. Allerdings hält dieses Gefühl an. Ich höre dann in dem Moment so als wenn man einen Lautsprecher an hat wo der Bass fehlt. Das kennt bestimmt jeder von seiner Stereoanlage und wer nicht der soll einfach mal den Bass weg drehen und nur den Hochtöner an. So höre ich dann in den Tagen wo ich meinen Gehörsturz habe. Laute Geräusche sind dann nur schwer zu ertragen und manchmal führt der Gehörsturz auch zu einem Schwindelgefühl. Zudem führt es zum allen Überfluss auch noch zum Tinnitus. Bis jetzt habe ich Glück gehabt und der Gehörsturz ging immer wieder nach einer Zeit weg. Aber sobald ich in Stress komme ist er wieder da. Das ist schon extrem nervig. Und diesen ganzen Scheiß hat man dann nur weil man als transgeschlechtliche Frau auf die Welt kommt und es in unserer heutigen Gesellschaft noch nicht wirklich als normal angekommen ist. Nicht die Transgeschlechtlichkeit ist krank, sondern deren Begleiterscheinungen gehe eine durch die Lebensumstände zugefügt wird.

Mein Bruder hatte mir damals bei meinem Outing gesagt:” du musst doch einen Plan haben!” Der Arzt der mich auf meinem Weg begleitet hat und schon fast drei Jahrzehnte transsexuelle Menschen in ihrem Alltagsleben unterstützt, t musste über diesen Satz laut lachen. Er sagte mir, dass er noch nie eine Transsexuelle Personen vor sich sitzen hatte, die zu diesem Zeitpunkt des Outings tings einen Plan hatte. Die meisten waren durch das jahrelange dagegenhalten völlig fertig, planlos und brauchten nur Hilfe. Aber solche Äußerung wie mein Bruder gemacht hat, und das meine ich nicht böse, habe ich oft von Menschen gehört die überhaupt nichts wissen über das Thema Transsexualität und auch nicht über das Thema Depressionen. Beides wird in der Gesellschaft oftmals nur belächelt und nicht ernst genommen. Viele sagen, häh  du siehst doch gut aus und warum kannst du nicht arbeiten? Nun ja, arbeiten gestaltet sich in der Regel schwieriger als einkaufen gehen oder mal mit Freunden essen zu gehen. Depression wird in der Gesellschaft überhaupt nicht als ernst aufgenommen. Dies habe ich auch im eigenen Freundeskreis erlebt. Jetzt hat man schon Probleme und wird dann oftmals noch als Simulantin abgestellt. Aber darüber ärger ich mich heute Gott sei Dank nicht mehr. Allerdings am Anfang haben diese Äußerung schon wehgetan. Auch dass ich heute in Rente bin wird oftmals hinterfragt mit, wie hast du das denn geschafft. Liebe Mitmenschen! Sowas schafft man nicht, sondern man muss gesundheitliche Einschränkungen haben um vorzeitig in Rente gehen zu können. Dazu muss man erst einmal über einen längeren Zeitraum von verschiedenen Ärzten krankgeschrieben werden. Dann muss man in eine Reha gehen und dort auch als krank entlassen werden. Ein Amtsarzt muss einem bestätigen, dass man weniger als drei Stunden am Tag den Arbeitsmarkt zur Verfügung steht und erst dann kann man den Antrag auf eine vorzeitige Rente stellen.  und dann wiederum stellt die Rentenversicherungsanstalt ein eigenes Gutachten über einen eigenen Gutachter. Wenn dieser dann auch wie die vielen anderen Ärzte vorher bestätigen dass man nicht arbeitsfähig ist erst dann hat man die Aussicht auf eine vorzeitige Rente. So, und nun kann sich jeder selbst geht dusselige Frage beantworten wie ich das hinbekommen habe und mehr muss ich wohl nicht dazu sagen. Ja, mich ärgert das wenn ich solche blöden Fragen gestellt bekomme. Dafür habe ich viel zu viele tiefe Wunden in meinem Leben ertragen müssen, woran ich heute noch zu knabbern habe. Leider ist es bei manchen so dass der Verstand und die Zunge voneinander total abgekoppelt sind.

Aber das Gute ist es gibt trotzallem ein Leben danach…

Admin - 05:31:24 @ Transgender Frau | Kommentar hinzufügen

Kommentar hinzufügen

Die Felder Name und Kommentar sind Pflichtfelder.